17. März 2009

Was ist Neuromarketing?

von Juliane Veloso

Thomas LoestWie neu ist Neuromarketing? Mit dieser Frage startete red pepper-Geschäftsführer Thomas Loest am 11. März 2009 sein Impulsreferat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Marketing Kompakt“ des Marketing-Club Bremen e.V.

Die Club-Mitglieder verfolgten die Präsentation des Diplom-Psychologen in den Räumen der Brand Academy der Markenagentur red pepper. Unter dem Titel „Kommunikation, die wirkt: Mehr Effizienz durch Neuromarketing?“ stellte Loest klar: Neuromarketing ist eine neue Ergänzung und sinnvolle Erweiterung im Marketing.

„Wenn wir verstehen wollen, warum Kunden kaufen, müssen wir einen Blick in die Funktionsweise des Gehirns werfen“, erklärte Loest den Ansatz des Neuromarketings. Was passiert dabei im Gehirn des Kunden? Was passiert generell im Gehirn eines Menschen? Welche Dinge nimmt er bewusst und welche Dinge unbewusst wahr? Welche Regionen im Gehirn müssen mit Werbung und Kommunikation angesprochen werden, damit ein Kunde ein Produkt kauft? Der Praktiker beließ es dabei nicht bei der Theorie. Er zeigte auch anhand von Kampagnen, welche Chancen Neuromarketing für die Positionierung einer Marke eröffnet.

Begeisterung und Neugier stand den Gästen nach etwas mehr als einer Stunde Vortrag ins Gesicht geschrieben. Es folgte eine angeregte Diskussion. Viele Teilnehmer wollten wissen, was sie bei ihrer Marke zu beachten hätten und wie das eigentlich alles funktioniere? Wir haben versucht Ihnen, liebe Leser, die Grundzüge und Erkenntnisse des Neuromarketings hier noch einmal für Ihr persönliches Studium zusammenzufassen.

Im Gehirn agieren zwei Systeme miteinander: das Bewusstsein (der Pilot) und das Unterbewusstsein  (der Autopilot). Der Pilot ist aktiv, wenn wir bewusst über etwas nachdenken und planen. Der Autopilot ist immer aktiviert, wenn unsere Sinne etwas wahrnehmen, wenn wir Gefühle spüren oder intuitiv handeln. Loest beschreibt das in einem Beispiel wie folgt: Während unserer allersten Fahrstunde mussten wir viele  Aufgaben, wie Fußpedalen, die Handschaltung sowie Blinker und Spiegel zum ersten Mal miteinander kombinieren, um den Wagen in Fahrt zu bringen. Während dieser ersten Fahrstunde war die ganze Zeit der Pilot aktiv. Denn wir haben etwas Neues getan, über das wir nachdenken mussten. Und es war ungeheuer anstrengend.  Heute setzen wir uns ins Auto und wissen manchmal gar nicht, wie wir den Weg von der Arbeit nach Hause geschafft haben. Jetzt ist allein der Autopilot aktiv, der gelernte Muster automatisch umsetzt – ohne Mühe für uns.

Woran liegt das? Während wir in unserer ersten Fahrstunde hinter dem Lenkrad gesessen haben, waren wir in der Lage, ca. 40 Bit pro Sekunde aufzunehmen und zu verarbeiten. Das verbrauchte ca. 20 % unsere Körperenergie (kcal). Danach waren wir schweißgebadet und ziemlich platt. Wenn wir heute Autofahren, dann befinden wir uns im Autopiloten und nehmen ca. 11 Mio. Bit pro Sekunde auf, verbrauchen aber nur 2 % unserer Körperenergie. Aktives und bewusstes Nachdenken wird von unserem Gehirn also nicht gerade belohnt. Evolutionstechnisch gesehen fährt der Mensch mit dem Autopiloten also sparsamer und lieber.

Was bedeutet diese Erkenntnis für die Markenführung? Wir eilen durch die Kaufhäuser, sind überlastet, die vielen ähnlichen Produkte rufen Unsicherheit hervor. Wofür sollen wir uns bloß entscheiden? In der Not sucht unser Gehirn nach bekannten Mustern. Und so trifft die  Kaufentscheidung in 95 % aller Fälle unser Autopilot. Wir treffen die Entscheidung aufgrund unbewusster Wahrnehmungen, die wir intuitiv im Gehirn verarbeiten. Das erfolgt so schnell und unbemerkt, weil wir gelernt haben, in Mustern zu denken. Oft erkennen wir Marken schon von Weitem, ohne überhaupt ein Logo gesehen zu haben. Marken haben eine hohe Anziehungskraft, weil das Gehirn ihre Bedeutung erkennt und mit Belohnung kombiniert. Besonders relevant sind daher Änderungen bzw. Neupositionierungen von Marken. Schon kleinste Detailveränderungen in Typografie oder Farbe können das Gehirn dazu bringen, das Muster nicht mehr zu erkennen. Passt eine Veränderung nicht ins Muster, reagieren wir erst ablehnend bzw. unsicher darauf und distanzieren uns. Als Beispiel lässt sich hierzu die Automobilbranche nennen. Schon die kleinste Veränderung bei Scheinwerfern ruft Irritationen beim Kunden hervor. Gleichzeitig sind Änderungen aber wichtig, um die notwendige Stimulanz im Gehirn zu erzeugen und damit weiter für die Marke zu begeistern.

Bisher haben wir im Marketing gelernt, unsere Zielgruppen in Sinus-Milieus abzubilden – Konservative, bürgerliche Mitte, Postmaterielle, Hedonisten etc. Im Neuromarketing bedient man sich einer neuen Positionierung, der sog. Limbic Map. In einem Dreieckkonstrukt unterscheidet man Stimulanz, Dominanz und Balance. Daraus entstehen Positionierungsmöglichkeiten im Bereich Disziplin, Genuss/Fantasie, Abenteuer etc. Am  Beispiel der Supermarktkette real lässt sich erkennen, wie wichtig die Positionierung aus dem Neuromarketing heraus sein kann. Bevor real mit dem Slogan „Einmal hin. Alles drin“ warb, gab es eine Kampagne mit dem Slogan „Besorg‘s dir doch einfach“. Real wollte sich damit im Bereich Abenteuer, zwischen Stimulanz und Dominanz positionieren – ähnlich dem Ansatz der Hornbach Baumärkte. Dieser Ansatz ging allerding nach hinten los. EDEKA und Lidl hielten an klassischen Motiven und Slogans fest, die im Bereich Balance anzusiedeln sind und trafen damit genau in das gelernte Muster der Kunden. Beim Einkauf im Supermarkt sucht der Kunde kein Abenteuer, vielmehr will er Sicherheit und Beständigkeit. Die Kampagne zahlte sich nicht aus. Aktuell wirbt real mit dem Slogan „Einmal hin. Alles drin“. Unterstützt wird dieser Slogan durch entsprechende soziale Szenen, die vom Autopiloten wahrgenommen und einem Muster zugeordnet werden können. Familien am Esstisch, Angeln mit dem Kumpel, die Nachbarin im Treppenhaus – sozial, wie es unser Gehirn mag.

Fazit: „Mehr Effizienz durch Neuromarketing?“: Die im Veranstaltungstitel aufgeworfene Frage beantwortete Loest mit einem klaren „Ja“. Denn wer es versteht gezielt das Unterbewusste der Konsumenten anzusprechen, wird selbst unter rund 3.000 Werbebotschaften, mit denen ein Mensch täglich konfrontiert ist, wahrgenommen und erhöht damit signifikant die Chance auf mehr Absatz.

Wie beantworten Sie, liebe Leser, diese Frage? Diskutieren Sie mit uns. Und senden Sie uns Ihren Kommentar zu der Frage „Mehr Effizienz durch Neuromarketing?“

Impressionen der Veranstaltung in den Räumen der Brand Academy der Markenagentur red pepper in der Überseestadt finden Sie in unserer Bildergalerie.


3 Kommentare

  1. Der Vortrag über Neuromarketing war Basis eines gelungenen Abends bei red pepper. Die angenehme Atmosphäre war offensichtlich und spürbar, ein geeigneter Rahmen für konstruktive Gespräche und Anregungen. Im Vortrag ist der Anwendungsumfang von Neuromarketing realistisch eingeschätzt worden. Die Veranstaltung diente der Wissensvermittlung und der Sensibilisierung dieses komplexen Themenfeldes und nicht einer Inszenierung zur
    “Selbstmarketing” der beratenden Agentur.
    Es sind keine überzogenen Erwartungen in Richtung „Allerheilmittel“ geweckt worden. Zumindest kann aber mittels Neuromarketing ein Deutungsmodell entwickelt werden, um den “Nebel” bei der Konsumentenansprache des Unterbewussten etwas zu lichten. Es hat sich gezeigt, dass sinnvolle Überlegungen aus diesem Analysetool abgeleitet werden können.

    Im Rahmen der anschließenden Diskussion ist die Frage thematisiert worden, in welcher Weise das Neuromarketing auch Entscheidungskriterien bei der Media-Auswahl liefern kann. Zu dieser Thematik möchte ich auf einen 7-seitigen Artikel von Michaal Pusler (Hubert Burda Media)hinweisen, der Konsequenzen der “Neuroökonomie” für die Mediaforschung und -planung aufzeigt. [NEUROMARKETING: ein Anwendungsteilbereich der NEUROÖKONOMIE, Details siehe http://www.metropolis-verlag.de/Neurooekonomie-und-Neuromarketing/11212/book.do. In dem Aufsatz wird auf Seite 5 in einer Grafik eine Zuordnung vorgenommen von Mediaeinsatz und Medienrezeptionsqualität, also dem Prozess der Wahrnehmung und Verarbeitung von medialen Angeboten, bei bestimmten Zielgruppen (siehe http://www.adattraction.de/pdf/brain sciences und marktforschung.pdf ).

    Mein persönliches Fazit des Vortrags: Aus theoretischer Sicht ist Neuromarketing eine gute Ergänzung der verhaltenswissenschaftlichen Marketingforschung.
    Die Marketingpraxis hat mit der neuronalen Positionierung ein Analyse-Instrument an der Hand, um darauf aufbauend geeignete Ansatzpunkte für Kommunikationsmaßnahmen zu finden ? zur strategischen Positionierung einer Marke oder eines Unternehmens.

  2. Die Erkenntnisse der Hirnforschung strahlen in so viele interessante Bereiche ab. Das ZDF hat gestern einen spannenden Beitrag über Jugendliche in der Pubertät gezeigt. Die Ergebnisse der Gehirnforschung haben das Verständnis der Entwicklungsphase Pubertät grundlegend verändert! http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/716218?inPopup=true

  3. hallo, wann gibt es weitere der sehr interessanten marketing/neuromarketing kongresse? danke und lg

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